Konrad saß auf einem orangefarbenen Gymnastikball und las Habermas. Bei Habermas konnte man sich, Konrads Erfahrung nach, gleich den Textmarker sparen oder am besten den ganzen kopierten Stapel in ein Faß knallgelber Tinte schmeißen. Hatte man 20 Seiten Habermas kopiert, war der Tag im Eimer, meistens sogar noch der darauffolgende Morgen. Habermas war schlimmer als Tequila.

Bei diesem Autor mußte man von der üblichen Praxis, die den Studenten das Studium überhaupt erst ermöglichte, abweichen: Es genügte nicht, einfach Seite nach Seite zu kopieren und zu hoffen, daß man ein bis zwei Sätze verstand und in eine ergiebige Menge eigenen Textes verwandeln konnte. So einfach war es nicht. Es bestand zwar durchaus die theoretische Möglichkeit, den einen oder anderen habermasianischen Satz zu verstehen, nachdem man auf die klassische, altphilologische Art vorgegangen war und aus dem Wust von Text Subjekt, Prädikat und Objekt herausgelesen hatte, wobei alle Nebensätze und Verschachtelungen zunächst ignoriert und erst später in den Bedeutungszusammenhang eingeordnet wurden.

Hatte man allerdings fälschlicherweise geglaubt, einen solchen Satz verstanden zu haben, so gab es kein zurück, denn Habermas, Feind jeder Bescheidenheit, beließ es nicht bei einem Satz, sondern schob schnell einen zweiten, dritten und sogar vierten nach. Sätze übrigens, die dem ersten in nichts nachstanden, so daß der naive Leser bald hoffen würde, auch diese Sätze zu verstehen – und bitterlich enttäuscht wurde. Mußte man als Ghostwriter über Habermas schreiben und wurde pro Seite bezahlt, so kam man auf einen erbärmlichen Lohn.

Wer meinte, Habermas verstanden zu haben, beleidigte nicht nur Habermas, sondern vor allem sich selbst. Man verstand nichts, sondern ahnte nur die schreckliche Wahrheit: Jeder habermasianische Satz hatte seine Daseinsberechtigung und seine Funktion innerhalb des habermasianischen Textkorpus. Zusammen ergaben die Sätze ein Kapitel, die Kapitel ein monströses Buch, das freilich nicht alleine kam, sondern von einer Schar ebenso monströser Bücher begleitet wurde. Denn Habermas schrieb natürlich nicht nur ein Buch. Auch bei zweien oder dreien beließ er es nicht (vorsichtig ausgedrückt). Nein, der gute alte Jürgen schrieb und schrieb seit Jahren, seit Jahrzehnten, vermutlich seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Die Habermas-Interpreten der ersten Jahre, die oberste Riege einer ungewöhnlichen Priesterschaft, die streng über die Auslegung des Willens des Herrn wachte und in deren Regalen sich die zusammengerollten Papyri stapelten, waren längst vergangen. Sie hatten nie erfahren, daß Habermas, kaum waren 40 oder 50 Jahre vergangen, ein weiteres Werk verfaßt hatte; Ein Werk, das ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden ließ und das sich mit dem übelsten aller akademischen Warnzeichen schmückte: es hätte berücksichtigt werden müssen. Generationen waren geboren worden, hatten sich am kurzen Reigen des Lebens erfreut, hatten sprechen und lesen gelernt, besuchten die Schulen und Universitäten, ergriffen Berufe, heirateten, zeugten Kinder und Enkel und starben. Habermas blieb.

Er blieb und rieb sich vermutlich die kopernikanisch-spätaristotelischen Hände, wenn er das 2009 erschienene Habermas-Handbuch durchstöberte. Er amüsierte sich über die kleinen Menschlein, die in seinem Schatten tanzten, spielten, stritten, die akademische Ehren anstrebten, promovierten und habermasibilitierten.
Man wollte Habermas schlagen, direkt auf seine schiefe Schnute, und durfte es doch nicht. Seine Rache folgte nicht der Tat, sondern ging ihr lange voraus. Sie lauerte im Kartonschuber, 2170 Seiten betragend, die akademische Welt in ewiger Geiselhaft haltend, der Wissenschaft immer neue Dissertationen, Habilitationen und ungeklärte Todesfälle abringend, dabei die Lebensläufe der Wissenschaftler hoffnungslos verunstaltend, unter dem ewigen Vorbehalt beständig reformulierter Neudefinitionen sogar der grundlegendsten Begriffe. Fernklare Sternenbrandung, ewiger Zyklus. Habermas lächelt.  

Kein Held jedoch war je ohne einen ihm ebenbürtigen Gegenspieler geblieben. Superman hatte Lex Luthor, Batman wurde vom Joker herausgefordert und Sherlock Holmes mußte sich mit Professor Moriarty herumschlagen. Obwohl Jürgen Habermas sicher nicht dem Ideal des klassischen Helden entsprach, weder vom Aussehen her noch von seiner sehr kurzen und erfolglosen militärischen Karriere an der Westfront, war es ihm gelungen, ein bemerkenswertes Alter Ego zu schaffen: Den wahnsinnigen Professor Luhmann, der die zappelnde und sich vehement wehrende Welt unter seine Kontrolle bringen wollte. Nicht, indem er eine geheime Basis auf dem Mond errichtete und dann einen Atomkrieg provozierte, wie es so mancher geistig minderbemittelte Superschurke aus den unteren Ligen versucht hatte, sondern indem er die Welt mittels kühler Systeme der Vivisektion unterzog. Luhmann machte den Menschen klar, daß sie keine Menschen waren, nahm ihnen ihre Menschlichkeit, indem er sie zu Systemen erklärte. Das an sich wäre nicht weiter schlimm, denn wenn jeder Mensch ein System war, dann war es eben so und man konnte beruhigt zum Alltag zurückkehren. Nun war es aber so, daß jeder Mensch nicht ein, sondern drei Systeme war, die sich säuberlich voneinander trennen ließen. Und das zu Lebzeiten und im Vollbesitz aller körperlichen und geistigen Kräfte.

Für Menschen, die Luhmann verstanden hatten, war es schlicht zu spät. Sie waren auf ewig der dunklen, der amoralischen Seite anheimgefallen und räkelten sich auch noch in ihrer Verblendung. Waren wir nicht alle glücklich geboren worden, spielten wir einst nicht alle sorglos im Sonnenschein, bis uns unsere Mutter zum Abendessen rief?

Luhmann schrieb. Mehr noch als andere. Er wurde promoviert, habilitiert, exorziert, emeritiert, exekutiert und hatte dabei eine Reihe von Büchern mit originellen Titeln verfaßt. Er hatte „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ geschrieben, „Die Wissenschaft der Gesellschaft“, „Das Recht der Gesellschaft“ und „Die Kunst der Gesellschaft“. Niemand hatte ihm Einhalt geboten, niemand hatte es gewagt, ihm zu sagen, daß es genug sei. Und so schrieb er allen Ernstes und in bestem Heideggerstil „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Luhmann war 1998 abgetaucht, was jedoch keine Folgen für die kontinuierliche Veröffentlichung seiner weiteren Werke hatte. Man geht im Allgemeinen davon aus, daß er seinen Tod nur vorgetäuscht hat und mittlerweile unter neuem Namen und mit erheblich verändertem Aussehen in der Anonymität einer südamerikanischen Großstadt lebte.

Der titanische Kampf zwischen Habermas und Luhmann, der scheinbar so eindeutig wie vordergründig mit dem Sieg Habermas’ geendet hatte, würde weitergehen. Beide hatten ein Vermächtnis hinterlassen und ihre Theorien so unverständlich und abstrakt gehalten, daß sie das Potential in sich bargen, noch in Hunderten von Jahren wissenschaftlichen Streit zu säen. Wo Moral auf Systeme prallte, wuchs kein Auge mehr und blieb kein Gras trocken.

Die beiden Religionen forderten nicht die Bekehrung, sondern, in bester monotheistischer Tradition, die Vernichtung der Ungläubigen.

Grundlage für die Führung des Glaubenskrieges war es, daß die Gralshüter der habermasianischen und der luhmannianischen Lehre die Theorien jeweils aktualisierten und an die sich verändernde Technologie und Gesellschaftsform anpaßten. Bald würde die Luhmannindustrie ein neues bahnbrechendes Werk namens „Das Internet des Internet“ geschrieben haben, das Habermasarsenal würde mit „nichts Neues“ und dem Vorwurf moralischer Beliebigkeit kontern.

Um Habermaspriester oder operierender Luhmann-Thetan zweiten Grades zu werden, bedurfte es keiner besonderen Qualifikation – schon eine simple Habilitation, wie sie massenhaft an deutschen und ausländischen Universitäten verschleudert wurde, reichte aus. Hatte man diese in der Tasche, mußte man weder auf die Sinnfreuden erotischer Eskapaden noch auf opulente Festessen verzichten. Denn die Religionsgründer hatten in weiser Voraussicht keine derartigen Bedingungen gestellt und damit die Fallstricke katholischen Priestertums geschickt umgangen. Dennoch forderten sie von ihren Imamen, Rabbinern, Psychiatern und Seelsorgern, von ihren Parteisoldaten und Möchtegernpiraten unbedingte Hingabe an den Glauben.

Wenn ein Luhmann oder ein Habermas sterben sollte, änderte das nicht das Geringste. Es würde Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis man es überhaupt bemerken würde und bis man ihre knochigen Überreste aus dem berstenden Privatarchiv entfernt hatte. Dann wiederum würden viele Jahre vergehen, bis der Strom der Literatur nach und nach versiegte. Der Tod war vielleicht eine unangenehme Tatsache, immerhin aber eine Tatsache, mit der man sich arrangieren konnte. Jedenfalls war der Tod kein Argument, keine weiteren Bücher zu schreiben. Es fanden sich immer neue, ehrgeizige Jünger, die die Schreibtischschubladen der Meister wieder und wieder durchwühlten und die Notizen ehrfurchtsvoll ordneten. Egal ob Brief, Textskizze, Telefonnummer oder Einkaufsliste – was immer aus der Feder der Geistesmächtigen stammte, war es wert, veröffentlicht, interpretiert und in das theoretische Gesamtkonzept eingeordnet zu werden.

Konrad drang weiter und weiter in die sprachlichen, inhaltlichen und menschlichen Abgründe der Habermas’schen Werke vor, kam bis auf Seite 450, ja gar bis auf 451 und weiter und wurde dann jäh aus seinem Erkenntnisprozess gerissen. Er traute seinen Augen nicht: Auf Seite 452 der 1994 erschienenen vierten, durchgesehenen und um ein Nachwort und Literaturverzeichnis erweiterten Auflage von „Faktizität und Geltung“ entdeckte er, daß Jürgen Habermas, Erzmagier der Frankfurter Schule, einflußreichster Gegenwartsphilosoph westlich und östlich des Mississippi, in der fünften Zeile einen schweren Fehler begangen hatte: dort war die Rede von einem (vier Zeilen davor erwähnten) Netzwerk, das sich (wie das kaum vier Zeilen später genannte Verb verriet) gliederte. Und zwar in mehr oder weniger „spzialisierte“ Öffentlichkeiten. Es handelte sich, wie Konrad rasch begriff, offensichtlich um die Auslassung eines Buchstabens, genauer gesagt um die Auslassung eines kleinen „e“. Konrad verstand nicht. Wie konnte ein solcher Fehler in der vierten, noch dazu durchgesehenen Auflage eines renommierten Werkes eines renommierten Autoren eines vermutlich renommierte Lektoren beschäftigenden renommierten Verlages passieren? Wie konnte dieser Fehler durch alle Mechanismen schlüpfen?
Die Sache war interessant. Der noch immer auf dem Gymnastikball sitzende Konrad beschloß weiterzuforschen. Er wippte einige Male fröhlich auf und ab.

Am nächsten Tag, sein Weg führte ihn ohnehin in die Bibliothek, ging er zum Regal, in dem alleine Habermas fast einen Meter füllte, griff nach „Faktizität und Geltung“ (allerdings nach einer Ausgabe aus dem Jahr 1998). Seite 452, Zeile fünf lautete: „usw. in mehr oder weniger spzialisierte, aber für ein Laienpublikum“

Konrad war verblüfft. Mehr als das: Er war desorientiert. Bot die Logik etwa hier einen Ausweg? Konrad stattete ihr, seiner alten Freundin, einen Besuch ab, der, im Gegensatz zu anderen Besuchen anderer alter Freundinnen nicht die Gefahr von wie auch immer gearteten desillusionierenden Erfahrungen bot.

Logisch betrachtet kamen mehrere Erklärungsmöglichkeiten in Frage:

  1. Der Fehler war bisher tatsächlich nicht entdeckt worden. Vermutlich, weil Habermas, ähnlich wie Hitler, zwar gekauft und verschenkt, dann ins Regal gestellt, immer wieder zitiert, aber nie gelesen wurde.
  2. Habermas selbst hatte sich tatsächlich so weit spzialisiert, daß sein Spzialisierungsbegriff kein kleines e mehr benötigte, da er sich mit dem umgangssprachlichen, von einem Laienpublikum genutzten, viel zu schwammigen Begriff der Spezialisierung nicht mehr in Einklang bringen ließ.
  3. Der Fehler war entdeckt worden, seine Behebung würde aber das gegenwärtige abendländische Wissenschaftssystem zum Einsturz bringen: Die Einfügung eines Buchstaben würde möglicherweise ein Wort, dann eine Zeile verrutschen lassen, was ein Verrutschen aller nachfolgenden Zeilen zur Folge hätte, und dazu führen würde, daß auch einige Seitenzahlen nicht mehr mit denen der vorherigen Ausgaben übereinstimmten: Einige der sich auf „Faktizität und Geltung“ beziehenden Zitate der letzten Jahrzehnte würden somit auf falsche Stellen verweisen. Man könnte also der Sekundärliteratur nicht mehr trauen. Studenten würden verzweifeln, der Mittelbau an Autorität verlieren und das Universitätssystem würde in seinen Grundfesten erschüttert werden. Die Linke würde eine empfindliche Niederlage erleiden, wenn das Werk einer ihrer theoretischen Überväter ins Wanken geriete. Es wäre fast so, als hätte man das A aus Marx gestrichen und durch ein U ersetzt.
  4. Habermas war ein Depp.

Da der letzte Gedanke zwar sehr sympathisch, jedoch in seinem Erklärungsgehalt dürftig war, beschloß Konrad eine Abkehr von seinem bisherigen Modus operandi. Konrad, der noch nie in ein Buch der Bibliothek gekritzelt hatte, nahm einen weichen Bleistift, und machte einen Kringel um das falsch buchstabierte Wort und links neben die Zeile ein kleines Kreuz. Am liebsten hätte er wüste Beschimpfungen dazugeschrieben. Doch dies wäre nicht fair gewesen. Habermas durfte man nie offen attackieren, da man sich damit in einem habermasianisch geprägten universitären Umfeld bereits dem Vorwurf der Unkenntnis aussetzte. Habermas konnte man nur auf gleicher Augenhöhe begegnen. Entweder durch ein gepflegtes Ignorieren seiner Werke, oder aber durch Luhmann. Ein Kringel und ein Kreuz waren jedoch immerhin ein Anfang. Irgendwann würde eine Studentin sich genötigt sehen, das Buch aufzuschlagen, würde Kringel und Kreuz entdecken und lächeln. Damit wäre schon viel gewonnen, und niemand würde Konrad je des feigen Anschlags bezichtigen.